Nachruf
Zum Gedenken an Helmut Lethen (1939-2026)
Der inspirierende Dozent, legendäre Germanist und Kulturwissenschaftler Helmut Lethen ist am 13. August in Wien gestorben. Nachrufe in mehreren großen Zeitungen würdigten die Wirkung des einflussreichen Geisteswissenschaftlers.
Lethen lehrte von 1977 bis 1996 an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock. Nach der Emeritierung leitete er bis 2016 das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien, danach hatte er Lehraufträge an der Kunstuniversität Linz. Lethen war bis Mitte der siebziger Jahre aktivistisch und maoistisch aktiv. Er studierte an den Universitäten Bonn, Amsterdam und der FU Berlin. 1970 wurde er über das Thema Neue Sachlichkeit 1924–1932. Studien zur Literatur des Weißen Sozialismus promoviert. 1971 bis 1976 war er an der FU Berlin Assistent.
Sein brillantes Buch Verhaltenslehren der Kälte – Lebensversuche zwischen den Kriegen (1994) gilt als Standardwerk. Eine Neuausgabe mit ausführlichem Nachwort erschien 2022. Eine Festschrift würdigte 2004 seine Arbeit: Die (k)alte Sachlichkeit – Herkunft und Wirkungen eines Konzept. Publizistisch war Lethen außerordentlich produktiv. Es erschienen Der Sound der Väter – Gottfried Benn und seine Zeit (2006), Unheimliche Nachbarschaften. Essays zum Kälte-Kult und der Schlaflosigkeit der philosophischen Anthropologie im 20. Jahrhundert (2009), Suche nach dem Handorakel – Ein Bericht (2012), Der Schatten des Fotografen – Bilder und ihre Wirklichkeit (2014, Preis der Leipziger Buchmesse), Die Staatsräte – Elite im Dritten Reich (2018), die autobiografische Schrift Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug (2020) und Stoische Gangarten – Versuche der Lebensführung (2025). Im Alter von 87 Jahren verfasste er ein Buch über Physiognomien, das posthum erscheinen wird.
Im März 2016 beeindruckte Helmut Lethen mit einem Gastvortrag an der Utrechter Studentenkonferenz ‘Holocaust und deutsches Gedächtnis’. Mit tiefer Dankbarkeit blicken wir auf sein originelles Engagement für das Fach und die Utrechter Germanistik zurück. Unsere Anteilnahme gilt seiner Familie.
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