Florian Lippert (RUG)
Yours truly, Franz. Über Kafka und Postfaktizität
Post-Truth – im Deutschen “Postfaktizität” – ist eines der meistdiskutierten Phänomene in den zeitgenössischen Sozial- und Kulturwissenschaften. Der Begriff bezeichnet kulturelle Praktiken und Vorstellungen seit Anbruch der Moderne, die im heutigen Medienzeitalter auf eine fundamentale Entwertung von Wahrheit hinauslaufen: So erscheinen Gesellschaften heute empfänglicher denn je für Lügen, fake news und alternative facts, letztlich droht ein “Verfall der Wahrheit” als Grundlage von gesellschaftlichem Konsens (Harcourt).
Die latente Paradoxie solch intellektueller und gesellschaftlicher Selbstsabotage wird häufig als “kafkaesk” bezeichnet. In der Tat ist das sonderbare Verhältnis des modernen Menschen zur Wahrheit etwas, mit dem sich schon Kafka zu seiner Zeit intensiv beschäftigt hat. Seine epistemologischen Notizen wie auch seine literarischen Texte sind durchzogen von “gleitenden Paradoxien“ (Neumann), die als frühe literarische Analysen des “postfaktischen” Denkens zu lesen sind, insbesondere im Hinblick auf die Konstruktion dessen, was Lacan als „Wahrheit des Selbst“ bezeichnet hat.
Lektüre:
– Franz Kafka, Die Sorge des Hausvaters (zuerst erschienen 1920), https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/erzaehlg/chap024.html
– Franz Kafka, Die Verwandlung (zuerst erschienen 1915, ich empfehle die Lektüre des ersten Kapitels), https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/verwandl/verwandl.html
– Vincent Hendricks & Mads Vestergaard, Verlorene Wirklichkeit? An der Schwelle zur postfaktischen Demokratie (2017), https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/245212/verlorene-wirklichkeit-an-der-schwelle-zur-postfaktischen-demokratie/
Montag, 9.3.2026, 19:15 Uhr
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